Preis für den „Superfeministen des Jahres“ erstmalig vergeben

Erstmalig wurde heute der mit 100.000 € dotierte „Superfeminist des Jahres„-Preis vom Bundeministerium für  Familie, Senioren, Frauen und Jugend vergeben. Ziel ist es, Männer in den Kampf für Gleichheit einzubinden, von dem sie lange Zeit ausgeschlossen wurden.

Der stolze Gewinner des Preises ist der Berliner Mark Nettmann (31). In der Vergangenheit versäumte er bspw. einen Arbeitstag, weil er seine kranke Tochter Marie (5) zur Kinderärztin brachte. Auch das Geschirrspülen übernimmt er — „mindestens einmal im Monat“, so Nettmann.

Aber ist das nicht Hausfrauenarbeit? Nettmann sieht das anders. „Über Jahrzehnte blieb Männern die Arbeit im Haushalt und die Sorge für ihre Kinder verwehrt. Ich finde es schockierend, wie ich als fürsorglicher Vater im Jahr 2016 behandelt werde. Auf 20 Lobeshymnen, wenn ich mein Kind aus dem Kindergarten abhole, kommt mindestens ein schiefer Blick. Sexismus ist eben auch Männersache. Die Arbeit für Gleichberechtigung ist eine sehr wichtige, und man sollte sie nicht einfach den Frauen überlassen.“

Sigmar Gabriel, der selbst vor kurzem Schlagzeilen machte, als er sich um sein krankes Kind kümmerte, äußerte sich wohlwollend über den Preis: „Es ist wichtig, dass auch Männer daran arbeiten, starre Geschlechterbilder zu überwinden. Dass die, die in diesem Bereich gute Arbeit leisten, jetzt für ihre Mühen belohnt werden, sehe ich sehr positiv“.

Auf die Frage, was er mit dem Geld vorhabe, sagte Nettmann: „Nach meinen Anstrengungen werde ich mir erst mal zwei Wochen Urlaub gönnen.“

Den hat er sich ohne Frage verdient!

Jung, normschön, reaktionär: Backlash in subversivem Gewand

[Content Note: Ableismus, Antifeminismus, Neonazis, Homofeindlichkeit, Holocaustwitz]

Ich habe leider keine hellseherischen Fähigkeiten. Hätte ich sie, würde ich lieber das Wetter oder die Lottozahlen vorhersagen, als die Wortkotze reaktionärer Schmierfinken. Über letzteres kann ich aber ganz gute Prognosen treffen, denn manche Debatten laufen so brechreizerregend immer gleich ab, dass jede_r, der_die sie mal miterlebt hat, sie vorhersagen kann. Und täglich grüßt der Backlash.

Wer die ganze Geschichte nicht kennt, hier die Kurzfassung: Die für den Bachmannpreis nominierte Jungjournalistin und Antifeministin Ronja von Rönne hat einen Artikel für die WELT geschrieben, Titel des Werkes: „Warum ihr alle psychisch gestört seid„. Herausgekommen ist dabei ein Haufen Geschwafel mit so langweilig-banalen Beobachtungen über „das Leben“, dass der Text eigentlich bloß ignoriert gehört. Wäre da nicht die Tatsache, dass von Rönne auf ignoranteste Art über Menschen mit psychischen Krankheiten referiert, um ihre unoriginiellen Thesen („Denn natürlich ist glücklich werden etwa das Blödeste, nachdem man streben kann, vielleicht der größte Fehler überhaupt.“) aufzubereiten. Tl;dr: Die meisten, die sich „psychisch krank“ nennen, sind es gar nicht; „psychisch krank Sein“ ist eine „Comfort Zone“. (Praktischerweise wird in diesem ebenfalls nicht neuen Diskurs psychisch Kranken abgesprochen in der Lage zu sein Kritik an solchen Thesen zu äußern. Kritik wird nur von „echten Depressiven“ angenommen, echte Depressive aber dürfen nichtmal in der Lage sein, sich eine Tütensuppe zu machen, die Kritiker_innen können also gar keine echten Depressiven sein.)

Das Ganze ist weder neu, noch clever, aber es ist verletzend und genau die Scheiße, die Menschen mit psychischen Krankheiten permanent zu hören bekommen. Entsprechend waren Betroffene wütend und haben ihre Wut zum Ausdruck gebracht (natürlich war das alles gar nicht so gemeint, und vielleicht hätte von Rönne gleich in ihrem Text sagen können, was sie denn eigentlich meint, aber vielleicht hätte das das möchtegernsubversive reaktionäre Hipsterpublikum dann nicht so angemacht).

Zurück zu meiner Prognose: ich sagte, ganz ohne hellseherische Fähigkeiten, aber im Wissen um den Verlauf unzähliger, fast gleicher Auseinandersetzungen, voraus, dass von Rönne einen Artikel nachlegen würde über „gefährliche Onlinedynamiken“ und „Shitstorms“. Einen Text, der schon tausendmal geschrieben wurde, und der nie berücksichtigt, wie marginalisierte Menschen online (und offline genauso) belästigt, beschimpft, kleingemacht, bedroht und angegriffen werden. Nein, es geht darum, wie schlimm es ist, wenn marginalisierte Menschen sich gegen Marginalisierungen wehren, wenn rechte, reaktionäre, diskriminierende Äußerungen als solche bezeichnet und nicht stillschweigend hingenommen werden (auch innerfeministisch wird gerne die so genannte „Call Out Culture“ herbei imaginiert).

In dem Text geht es nicht um von Rönnes eigenen tragischen Fall von erfahrener Kritik, das wäre vielleicht selbst für die WELT ein bisschen zu viel beleidigtes Ego-Gestreichel. Stattdessen spricht sie über Barbara Eggert vom Westfalen-Blatt, die neulich besorgten Eltern riet, ihre Töchter nicht zur Hochzeit des schwulen Onkels mitzunehmen, um die Kinder nicht zu „verwirren„.
Das nimmt von Rönne zum Anlass, über Politik, Aktivismus und „Hasskultur“ im Netz zu philosophieren. Marginalisierte Menschen sind für von Rönne nur „eine obskure dritte Instanz„, und während ihnen ihre Menschlichkeit permanent abgesprochen wird, hebt sie die Menschlichkeit derer, die sie anderen absprechen, hervor.

Ist den Leuten einfach nicht klar, dass ihr unbedachtes Mitmachen bei einer Hetze Menschenleben zerstört? Gibt es einfach noch kein Bewusstsein dafür, dass jeder hasserfüllte Tweet Teil der kollektiven Wahrnehmung wird? Ist in 140 Zeichen einfach nicht genug Platz für Reflexion, reicht es nur für Häme, Gemeinheit und Unnachgiebigkeit?

Frau Eggert wurde nämlich gefeuert, und es „geht ihr nicht gut“. Dabei, findet Rönne, hat sie doch nur etwas „Unkluges über Schwulenhochzeiten“ gesagt. So heißt es immer, da war halt etwas „schlecht formuliert“, „unklug“ nicht so „politisch korrekt“ oder vielleicht sogar nur „eine andere Meinung“ (bei letzterem werden dann noch gerne heroisch anmutende Zitate über das Kämpfen für die Meinungsfreiheit angeklatscht und mal Voltaire, mal Rosa Luxemburg, mal irgendeiner anderen toten Person, die sich nicht mehr wehren kann, zugeschrieben).
Unklug ist das, ja, aber doch nicht menschenverachtend, und vor allem nicht politisch, findet von Rönne, denn es ging in Eggerts Kolumne ja gar nicht um Schwulenrechte (well, duh). Und es geht vor allem nicht „um links oder rechts“, stellt sie weise fest, und das ist ja nun wirklich so überhaupt gar nicht neu. Meistens stellen das genau jene mit einem gewissen Trotz fest, die im politischen Spektrum eigentlich ganz schön rechts sind. Aber „rechts“, das klingt für sie nach Glatzennazis und Stammtischparolen und Ostdeutschland, und damit möchten sie sich nun wirklich nicht gemein machen. Also erklärt man das links-rechts-Schema einfach für überholt, ohne natürlich eine Alternative zu bieten, und zieht sich damit geschickt aus der Affäre. Dass das einer „dreidimensionalen Welt“ nicht gerecht wird, wie von Rönne findet, haben die „Rächer der Menschenrechte“, die, „die für das Gute kämpfen“ (wieso nur klingt das bei ihr wie eine Beleidigung?) wohl einfach nicht verstanden. Und unterstellen der armen Frau Eggert rechts zu sein, nur weil sie Schwule als Bedrohung fürs Kindeswohl sieht.

Es geht nicht um Politik, es geht um Anstand, meint von Rönne. Und nimmt gleich vorweg:

Ein Text über Anstand ist ungefähr so uncool wie ein T-Shirt mit der Aufschrift „Bier formte diesen wunderschönen Körper“. Allein das Wort: Anstand! Das klingt staubig, alt, vergangen. Qualm von Großvaters Pfeife. Ein vergilbtes Buch. Man kann keinen Anstand mehr verteidigen, ohne automatisch dem konservativen Lager zugeteilt zu werden.

Als wäre das der Kritikpunkt an diesem entpolitiserten Geseier. Dieser „Anstand“ ist keine revolutionäre Idee, die man leicht verschämt vorträgt, weil sie als „uncool“ abgetan wird. Dieser „Anstand“ wird permanent und überall gepredigt. Er bedeutet: „Wir sprechen dir deine Menschenwürde, deine Identität, dein Sein ab, aber wir äußern das eloquent und intellektuell verpackt und deshalb ist es eine Meinung. Du wehrst dich dagegen, du bist wütend, du bist verletzt, das ist gewaltvoll. Das ist unanständig“. Es ist nach von Rönnes Auffassung von „Anstand“ kein Problem, Marginalisierungen zu stützen (sie selbst tut das mit Gusto); wütend zu sein, sich aufzuregen, dabei ausfallend zu werden, das ist das Problem. Dass die, die sich da aufregen, das nicht aufgrund irgendwelcher theoretischen Ansichten, sondern oft wegen ihrer eigenen Lebensrealität tun, verstehen sie und die, die ihre Texte loben, nicht. Sie zitiert fast nur Leute, die selbst Gebrauch von diskriminierender, sexistischer Sprache machen („Quelle: Facebook“), und ja, das ist scheiße, aber die Antwort sollte nicht weniger Kritik an marginalisierenden Handlungen sein, sondern mehr.
Geschwalle über „Zärtlichkeit“ und „nett zueinander sein“, das klingt hübsch, bringt marginalisierten Menschen aber leider einen Scheiß und hält Strukturen wunderbar aufrecht.

Und warum interessiert es überhaupt irgendwenn, wenn eine Adlige (Verzeihung, eine vom „verarmten Landadel„), deren Texte sich wie eine grausige Mischung aus Helene Hegemanns möchtegernskandalöser Hipster-Banalität und Birgit Kelles menschenverachtenden Positionen lesen, sich an Aktivismus von_für „Unterprivilegierte“ [sic] abarbeitet? Das ist doch in etwa so relevant, wie wenn Wohlhabende über den Wert von Geld schwadronieren (oh).
Es interessiert die Leute deshalb, weil von Rönnes Texte eben nicht „Meinungsäußerung[en] abseits des Mainstreams“ sind, wie sie sich und anderen weismachen möchte, sondern genau ins Herz der „unpolitischen Mitte“ treffen.
Von Rönne ist nicht die Erste, die sich und ihre erzkonservativen, reaktionären Ansichten als tabubrecherisch inszeniert. Thilo Sarrazin hat mit der Behauptung, er dürfe seine Meinung nicht frei äußern, ohne Ende Bücher verkauft und bei so ziemlich jedem_r deutschen Talkmaster_in in den Sessel gefurzt.

Allerdings, und da liegt der Unterschied, ist Ronja von Rönne kein verknöcherter Sarrazin oder Martenstein, sondern eine junge, normschöne Frau, die auf eine Modelkarriere zurückblicken kann und weiß, was Selfies und Hashtags sind. Während Sarrazin ein Buch schreibt, um sich über „Tugendterror“ zu mokieren, schnoddert von Rönne einfach einen Holocaust-Tweet hin und erzielt einen ähnlichen Effekt.
Der Pseudo-Tabubruch bietet einen Markt, das hat auch die WELT, für die von Rönne schreibt, erkannt. Ihr aufgewärmter Antifeminismus wird von der WELT folgendermaßen angepriesen: „Die Feminismusdebatte ist langweilig geworden. Wir wollen das mit Radikalpositionen verändern“. Langweilig war mir und vermutlich den meisten anderen Feminist_innen in „der Feminismusdebatte“ eigentlich selten. Wüste Beschimpfungen, Drohungen und Verleumdungen sind nicht schön, aber auch nicht langweilig. Aber der WELT fehlt wohl der Kick, wenn die Debatte nicht mit ressentimentgeladenen Polemiken, die auch dem Ring Nationaler Frauen gefallen, angeheizt wird (dafür kann von Rönne aber nichts, empören sich ihre Fans, und Nazis benützten ja schließlich auch Klopapier, ob man das jetzt auch nicht mehr dürfe).

Der Markt für Backlash und Pseudotabubruch ist weitestgehend von grauen Herren wie Sarrazin, Fleischhauer, Martenstein oder „Don Alphonso“ besetzt (letzterer scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, von Rönne unter seine Fittiche zu nehmen, und verteidigt sie in seinem letzten Blogpost, in dem er sie von aller Verantwortung für ihre Fans aus dem sehr rechten Lager freispricht, während er eine Journalistin, die selbiges kritisiert hat, für jeden an von Rönne gerichteten Kommentar verantwortlich macht). Es liegt nur nahe, ihn jetzt auch für junge Autor_innen zu öffnen, um das reaktionäre, bräsige Hipstertum anzusprechen, für das die konservative Herrenriege vielleicht doch ein wenig zu verstaubt ist. Antifeminismus kommt nicht nur im schlecht designten Gewand von „WikiMANNia“ und „MANNdat“ daher, „Anti Political Correctness“ nicht nur in dem verschwörungstheoretischen Mantel von PI-News oder in der pseudowissenschaftlichen Oberlehrermanier von Harald Martenstein. Backlash ist cool, jung und hip, gekleidet in eine Bluse von Urban Outfitters und bebildert mit Fotos von jungen Autor_innen, die sich in jedem Mainstream-Fashion-tumblr gut machen würden. Ronja von Rönne ist kein erboster alter Mann, sondern eine starke junge Frau, die sich, so soll es wirken, von den Fesseln des verstaubten, gestrigen Feminismus befreit. Das gefällt denen, die sich von emanzipatorischen Bestrebungen bedroht fühlen, denn sie können sagen, „Da, guckt! Die hat es ohne Feminismus geschafft“. „Es sind nicht alle so wie ich, manchmal vergesse ich das„, sagt von Rönne in ihrer Fauxpology, und diese kleine Vergesslichkeit zeigt sich in ihren Positionen nur allzu deutlich. Denn nicht alle sind mit denselben Privilegien ausgestattet wie sie.

„‚Aber du musst doch mal an die anderen denken!‘, flötet mir der Feminismus zu“,  und das scheint ihr wirklich sauer aufzustoßen. Sie bezeichnet sich selbst als Egoistin. Und das ist eigentlich fast alles, was man über diesen pseudosubversiven und pseudotabubrecherischen Journalismus wissen muss.

Nachtrag (01.06.2015, 12:15 Uhr):
Ronja von Rönne hat sich noch einmal zur Debatte geäußert und ist der Meinung, „der Feminismus“ profitiere von ihrem Text. Irgendein Typ von der WELT, der Feminismus „langweilig“ findet (because feminism is totally there for your entertainment, dude), hat den prätentiösensten, aufgeblasensten Schmuh geschrieben, den ich je gelesen habe. Kristina Schröder weint Krokodilstränen über Hate Speech.

#weilwirdichlieben oder Wenn Werbekampagnen zu weit gehen

(Content Note: Cissexismus)

Eigentlich hatte ich nicht vor, etwas zu #weilwirdichlieben, der neuen Werbekampagne der BVG, zu schreiben. Als ich die ersten Plakate an den Bahnsteigen sah, habe ich bloß innerlich die Augen verdreht über diese Kuschelkapitalismus-Kampagne. Das haben schon zig andere vorher gemacht, z.B. Coca Cola, die in ihren Werbespots erzählen, dass „Liebe“ häufiger gegooglet wird als „Hass“ und mehr Teddybären als Panzer hergestellt werden. Rührselige Kampagnen, die Leute emotional ansprechen, dem Kapitalismus ein freundlich lächelndes Gesicht geben und eine Bindung zwischen Menschen und Unternehmen suggerieren sollen.
Jetzt also die BVG, die von Kindern erzählt, die sie hat aufwachsen sehen und Geschäftsleuten, die doch mal entspannen sollen — weil wir dich lieben. So weit, so belanglos.

Teil der Kampagne ist aber auch ein Plakat, das zu Kritik Anlass gibt. Darauf ist eine schlafende, von mir und wohl auch den Macher_innen männlich wahrgenommene Person in einem Kleid zu sehen. Darüber steht der Spruch „Nicht mal deine Mudda holt dich morgens um 4:30 Uhr ab“, darunter angeblicher Enstehungsort und -datum des Bildes und die Aufforderung „Teile deine schönsten BVG-Momente“.
Das könnte zunächst einmal ja vieles sein. Z.B. ein Bild von einer Gruppe auf dem Weg zur oder von der Party, Jugendliche auf dem Weg ins Schwimmbad oder was immer eben zu so einer Herz erwärmenden Kampagne passt. Leider ist das aber weit entfernt von dem, was abgebildet ist; nämlich eine Person, die schläft, nicht weiß, dass sie fotografiert wird und dementsprechend nicht zugestimmt hat.

Zwar ist das Bild mit ziemlicher Sicherheit gestellt, schließlich gibt es das Recht am eigenen Bild und heimlich aufgenommene Bilder zu verwenden, hätte der BVG wohl einigen juristischen Ärger eingebracht. Das ändert aber nichts daran, dass das heimliche Fotografieren als lustig dargestellt wird und implizit dazu aufgefordert wird, genau das zu tun.

Und überhaupt, warum wird dieses Foto eigentlich als „lustig“ betrachtet? Weil ein Mann da ein Kleid anhat, haha? Sind das dann die „schönsten BVG-Momente“, Momente, in denen Leute in der Bahn sitzen, die „komisch“ aussehen? Und da kann mensch ja mal schnell ein Foto machen, wenn eine_r so komisch ist, egal, ob er_sie das will oder überhaupt mitbekommt.

Es war sicherlich nicht Absicht der BVG, Freizeitpaparazzi auf Menschen zu hetzen. Mir ist schon klar, was dieses Plakat aussagen soll. Es soll eine Verbundenheit zwischen den Fahrgästen einerseits untereinander, andererseits zur BVG suggerieren. Es soll zeigen, wie schön und spannend und lustig Fahrten mit der BVG sind. Es soll zeigen, was für interessante Menschen mit der BVG fahren. Es soll zeigen, dass mensch tolle Leute bei der BVG trifft. Es soll Wohlwollen für „auffällige“ Leute zeigen, als wäre der Mensch auf dem Bild unser ausgeflippter bester Kumpel. Es soll dein Eindruck vermitteln, die BVG und ihre Fahrgäste seien alle Freund_innen, die schöne/lustige/rührende Momente miteinander teilen. Es soll ein Wohlgefühl vermitteln.

Wohlgefühl ist leider das Letzte, was sich bei mir beim Betrachten des Plakates einstellt. Ich denke da eher an Leute, die es lustig finden, „Freaks“ zu fotografieren, die sich übergriffig verhalten und andere in unangenehme bis gefährliche Situationen bringen.
Denn in Wirklichkeit sind wir nicht alle Freund_innen oder eine große tolle Gemeinschaft, die liebevoll schöne Anekdoten miteinander teilt. In Wirklichkeit sind wir einander nicht alle freundlich gesinnt und sicher und auf Augenhöhe. Und gerade Menschen, die bestimmten Normen, z.B. Cis- oder Heteronormen, widersprechen, sind oft genug (und oft nicht nur) schiefen Blicken ausgesetzt.

Ich für meinen Teil möchte nicht von Fremden fotografiert werden. Ich möchte, wie viele andere, einfach meine Ruhe haben. Und ich möchte nicht, dass Leute wegen ihres Auftretens oder Aussehens oder Verhaltens als „öffentliches Gut“ oder Witz angesehen werden.

P.S.
Und wo wir von „in Ruhe lassen“ sprechen… Liebe BVG, es gibt genug Leute, die keinerlei Hemmungen haben, überall und permanent andere anzuquatschen. Und es gibt genug Leute, die es satt haben, überall und permanent angeuatsch zu werden. Und wenn ich gerade ein Buch lese… lasst mich bitte einfach zufrieden, ja?

(TW) (Nachtrag 2.10., 11:35 Uhr) Warum ich das Missy Magazine nicht mehr lese oder Wie mensch mit Kritik nicht umgehen sollte

Triggerwarnung: thematisiert grenzüberschreitendes Verhalten und Anspruchshaltungen an Menschen, die Unsicherheiten_Probleme_Schwierigkeiten_Ängste in sozialen Situationen haben.

 

Am 24.09. erschien ein Text auf dem Blog des Missy Magazines, über den ich mich sehr aufgeregt habe. Ich schrieb einen Tweet dazu; die Reaktionen zeigten, dass ich damit bei weitem nicht allein war.  Auch auf der Facebook Seite der Missy äußern einige ihre Bedenken/Kritik/Verärgerung an dem Bericht. Erst mal zum Inhalt des Berichtes selbst: die Autorin* schreibt darüber, wie sie „leider keine Pizza“ mit Comicbuchautorin Julia Wertz gegessen hat. Auf der Facebook Seite ist noch ein alternativer Titel angegeben: „Warum man Menschen, deren Arbeit man toll findet, eigentlich nie live treffen sollte, weil die Wahrscheinlichkeit, dass sie freundlich/an einem interessiert sind, sehr gering ist und man nach dieser Kränkung Wochen braucht um ihre Werke wieder in Ruhe genießen zu können.“
Oha, Wertz war also unfreundlich zu der Autorin und die Autorin wurde gekränkt? Mensch fragt sich, was da wohl vorgefallen ist. Der Artikel gibt die Antwort: Wertz wollte sich nicht mit der Autorin für ein Interview treffen, sondern dieses lieber per E-Mail führen. Die Autorin, und hier wird es bedenklich, versucht dennoch, Wertz zu einem persönlichen Treffen zu bewegen. Erst gibt Wertz ihre Termine als Grund an. Das akzeptiert die Autorin aber nicht. Im Text heißt es: „Ich versuche ihr zu erklären, dass es besser wäre sie persönlich zu treffen, sei es auch nur kurz, ich sei ja auch nur wenige Meter entfernt und würde mich gerne nach ihr richten.“ Im Gegensatz zu Wertz‘ Mails werden die der Autorin leider nicht zitiert. Im Vorteil des Zweifels nehme ich mal an, dass es eine respektvolle, zurückhaltende Nachricht war, die Wertz zu nichts drängte (auch wenn das Folgende und die Formulierungen der Autorin etwas anderes nahelegen).

Wertz erklärt in ihrer nächsten Mail, dass sie sich „mit Interviews unter vier Augen nicht wohlfühlt“.  Auch das wird von der Autorin nicht einfach akzeptiert, sondern führt zu weiteren Nachfragen: warum sie sich denn unwohl fühlt, ob sie etwas dagegen tun kann. Ja… an dieser Stelle kann ich mir kaum vorstellen, warum Wertz ein Problem mit Journalist_innen haben könnte. In ihrer letzten zitierten Mail erklärt Wertz sehr offen, dass sie „keine sehr soziale Person“ sei, nicht gern vor Leuten über sich rede und „manchmal sehr unsicher“ sei und bittet nach eigener Aussage „ein letztes Mal“ darum, das Interview per Mail zu führen. Mensch sollte meinen, wenigstens nach dieser klaren und offenen Ansage ließe die Autorin Wertz dann mal in Ruhe. Nope. „Eine Weile versuche ich es noch. (…) Es hilft nichts. Ein paar Emails später gebe ich auf.“ Wow. Dieses Verhalten ist grenzüberschreitend und respektlos. Nach Wertz‘ Angabe, sie habe keine Zeit, noch einmal zurückhaltend nachfragen („falls du doch willst, ich richte mich nach dir“), okay. Aber nach der Erklärung, dass Wertz sich UNWOHL FÜHLT, noch mehrmals nachzuhaken, geht gar nicht.

Absolut respektlos ist auch, wie die Autorin die Situation darstellt: „Ich bin hin und her gerissen dazwischen, ihre Sturheit als weiteren Beweis ihrer Schrulligkeit und Coolness zu sehen und dem Genervtsein darüber, ausgerechnet von ihr eine Abfuhr zu bekommen. Whatever.“ Etwas nicht zu wollen, ob das anderen nun in den Kram passt oder nicht, hat nichts mit Sturheit zu tun. Wertz ist nicht „stur“, sie weiß nur scheinbar, dass sie etwas nicht will und setzt das auch gegenüber unverschämten Journalist_innen durch. Und soziale Unsicherheiten_Ängste sind nicht „schrullig“, sondern verdammt noch mal ernst zu nehmen. Aber Wertz‘ Bedürfnisse scheinen hier nicht zu zählen, die Autorin ist also „genervt“ von ihrer „Sturheit“. Eine solche Rhetorik, v.a. auf einer feministischen Plattform, finde ich erschreckend. Die Autorin entscheidet sich dann statt des Interviews zu einer Lesung von Wertz zu gehen. Im Text wird es nicht erwähnt, aber dem hatte Wertz nach Aussage der Autorin zugestimmt. Trotzdem: der Satz „ich würde sie doch noch kriegen!“ bereitet mir Bauchschmerzen. Vielleicht ist es auch Brechreiz.

Bei der Lesung fühlt die Autorin sich dann aber von Wertz „verschaukelt“. Warum? Weil diese scheinbar gerne vor Menschen liest und performt, dabei „in ihrem Element“ ist und nicht „die irre schüchtern und verstört an ihren Fingernägeln kaut und kein Wort heraus bekommt“. Das ist wohl die erwähnte Kränkung: Wertz will nicht mit der Autorin in Person sprechen und hält trotzdem eine gute Lesung. Wertz hatte zwar sogar gesagt, dass es schwanke, wie sie sich Fremden gegenüber verhalte/fühle. Und dass es Leute mit sozialen Unsicherheiten_Ängsten_Phobien_ oft gut performen, aber Probleme mit „intimeren“ Begegnungen haben, ist auch nicht neu. Am Ende stellt die Autorin sich Wertz dann vor als „die, die dich wochenlang per Mail genervt hat“ (ernsthaft, wochenlang?!) und bekommt daraufhin die Widmung „FÜR ARSCHLOCH“ in ihre Ausgabe von Wertz‘ Buch. Wertz erklärt: „Oh, und ich war ein totales Arschloch, tut mir echt leid.” Das kauft die Autorin ihr aber nicht ab. Wertz ist schließlich stur, schrullig und „nicht freundlich“.

Nun kenne ich Wertz‘ Beweggründe (abseits von denen, die sie äußert), Gefühle, evtl. Ängste usw. natürlich nicht und weiß nicht, ob sie sich mit der ganzen Sache so mies gefühlt hat, wie ich selbst es bspw. hätte. Das ist aber, um zu erkennen, dass das Verhalten der Autorin nicht in Ordnung ist, auch nicht relevant. Hier wurde ein deutliches „Nein“ nicht akzeptiert. Derartige Überredungsversuche sind grenzüberschreitend. Der ganze Bericht liest sich wie eine pseudolustige Abrechnung mit Wertz, weil diese die Dreistigkeit besaß, sich mit ihrem Fan nicht treffen zu wollen. Interessant dabei auch, dass der Großteil des Artikels aus Beschreibungen/Zitaten des Mailverkehrs zwischen Wertz und der Autorin besteht, ein Mailinterview aber scheinbar als Basis für einen Bericht nicht ausreicht. Wertz Wünsche werden nicht respektiert, ihre Beweggründe werden nicht respektiert („hat Julia Wertz mich komplett verschaukelt“, „ich glaube ihr kein Wort“), es geht nur um die Enttäuschung der Autorin, ihr Idol nicht zu treffen. Das sind exakt das Verhalten und die Rhetorik, das/die z.B. „Nice Guys“ an den Tag legen: ein „Nein“ wird nicht einfach akzeptiert, sondern hinterfragt, die angegeben Gründe werden auch nicht angenommen, die Gefühle der fordernden Person in den Vordergrund gestellt. Nichts, was ich von einem feministischem Medium lesen will.

So weit, so scheiße. Das ist aber nur der erste Teil meiner Erklärung, warum sich das Missy Magazine für mich erledigt hat. Denn weiter geht es mit der Reaktion der Autorin. Weil ich den Artikel wirklich erschreckend fand, twitterte ich sie an. Daraus ergab sich dieser Dialog. Außerdem schrieb ich einen Kommentar zu dem Artikel. Der Kommentar wurde nicht freigeschaltet, aber eine Antwort bekam ich: per Mail. Auf den Vorschlag der Autorin auf Twitter, über meine Kritik per Mail oder Skype zu reden, war ich am Vorabend nicht eingegangen. Ich hatte kein Interesse daran, ich hasse es, wenn Kritik an einer öffentlichen Sache plötzlich still und heimlich „unter vier Augen“ geklärt werden soll, v.a., nachdem ich gesehen hatte, wie viele Leute mit dem Text dieselben Probleme hatten wie ich. Trotzdem schrieb sie mir, was mich für einen Moment überraschte, denn ich fragte mich für einen kurzen Moment, wie sie überhaupt an meine private Mailadresse kam. Dann fiel es mir ein: beim Kommentieren unter dem Artikel musste mensch eine Mailadresse hinterlassen, das hatte ich getan. Ich war sauer. Ja, ich hatte meine Mailadresse dort angegeben, weil ich das zum Kommentieren nunmal musste. Diese Angabe dient dem Schutz oder der Spamabwehr, aber ist keine Einladung, persönlichen Kontakt aufzunehmen. Auf ihren Vorschlag zu mailen, hatte ich schließlich nicht reagiert (wie gesagt, ich wollte keine Mails von ihr, hatte aber nicht bedacht, dass sie meine Adresse durch das Kommentieren hatte, ich wusste schließlich auch nicht, wer beim Missy Magazine die Kommentare moderiert). Ich schrieb sie erneut auf Twitter an, denn ich sah keinen Grund, warum dieses Verhalten nicht öffentlich bekannt sein sollte. Das sah sie als meinen Versuch, ihr aufzuzwingen, wo wir diskutierten, denn sie habe „deutlich“ gesagt, dass sie nicht über Twitter darüber reden wolle (oh, the irony!). Dem_der aufmerksamen Beobachter_in wird auffallen, dass ich ich dort auch nicht mehr kontaktiert habe, nachdem sie das geäußert und bevor sie mit die Mail geschickt hat. Desweiteren warf sie mir vor, zu „trollen„, erklärte anderen, die sie anschrieben, ich hätte keinen Kommentar schreiben müssen, ich hätte ja „eigene Kanäle“ (??? Wenn ich einen Artikel kritisiere, kommentiere ich ihn bei entsprechender Kommentarfunktion erstmal direkt) und sie müsse nichts freischalten. Letzteres ist natürlich richtig: wenn sie einen Kommentar nicht freischalten will, muss sie das nicht (auch wenn es in manchen Fällen einiges aussagt, in diesem z.B.). Dann kann sie ihn löschen, das macht es aber nicht okay, mich ungefragt per Mail zu kontaktieren — sieht sie anders. Kritische Kommentare in so einer Frage nicht freizuschalten (nein, Antifems, euren Bullshit muss trotzdem niemensch zulassen) ist eher uncool, die Auseinandersetzung ins Persönliche zu verlagern, obwohl das Kritisierte öffentlich ist, ebenfalls. Und auf Kritik an als grenzüberschreitend kritisiertem Verhalten mit einer Mail an eine Adresse zu reagieren, die mensch nur wegen der Pflichtangabe bei dem nicht veröffentlichten Kommentar hat, das hat schon eine sehr bittere Ironie. Wenigstens zu der inhaltlichen Kritik an dem Bericht sollte die Autorin/das Missy Magazine mal langsam Stellung beziehen, schließlich wurde die mittlerweile von einigen geäußert und mit den immergleichen Plattitüden abgekanzelt. Die drängendste Frage, nämlich, ob Wertz mit der Veröffentlichung ihrer privaten Mails einverstanden war und die sowohl ich als auch ein_e Kommentator_in bei Facebook gestellt haben, bleibt bislang unbeantwortet.

Ich habe eigentlich keine Lust, mich in eine persönliche Auseinandersetzung zu verstricken, nur weil ich einen Artikel in einem Magazin kritisiert habe. Ginge es hier um ein kleines Privatblog mit geringer Reichweite, würde ich diesen Text auch nicht schreiben. Aber es geht hier um ein feministisches Magazin mit knapp 5000 Twitterfollower_innen und einer Auflage von 20.000 Exemplaren.

Ich finde den Bericht unterirdisch und die Reaktion auf die Kritik katastrophal. Obwohl einige ihre Bedenken geäußert haben, wird auf Kritik nicht eingegangen, Grenzen nicht respektiert, die Auseinandersetzung auf eine persönliche Ebene gedrängt, obwohl v.a. in Anbetracht der Reichweite und der Tatsache, dass viele Kritik geäußert haben, eine öffentliche Diskussion erforderlich wäre, und Kritik als „Trollen“ abgetan. Die Autorin versteht weder, warum ihr Verhalten in ihrem Bericht als problematisch gesehen wird, noch, warum ich über ihre Mail wütend bin.

Weder den Bericht, noch die Reaktion finde ich für ein sich feministisch verortendes Magazin auch nur ansatzweise angemessen. Für mich hat sich das Missy Magazine damit erledigt.

Nachtrag: die Autorin hat sich mittlerweile bei Julia Wertz entschuldigt und diese hat sich selbst auch zum Thema geäußert (Triggerwarnung: ableist slurs, ableistische Zuschreibungen). Der Artikel ist zu diesem Zeitpunkt noch normal aufrufbar (die Kommentare allerdings geschlossen und der vorher veröffentlichte Kommentar gelöscht), es soll aber noch eine Stellungnahme folgen. Mir persönlich ist das hinsichtlich des tagelangen Wegbeißens von Kritik, des Abwiegelns von Seiten des offiziellen Missy Accounts auf Facebook und dem spezifisch an mich gerichteten Vorwurf zu „trollen“ nach der Mail an mich zu wenig, als dass ich das Missy Magazine noch ernstnehmen und weiterhin lesen könnte, zumal bisher für diese Dinge keinerlei Entschuldigung kam. Da Julia Wertz in ihrem Statement aber dazu auffordert, es gut sein zu lassen, werde ich das tun und mich ab jetzt zu der Sache nicht mehr äußern.

* Mir ist klar, dass ihr Name bei dem Artikel steht, trotzdem will ich hier nicht permanent ihren Namen nennen, deshalb „die Autorin“

Was bewirkt „GameOverGate“?

[Triggerwarnung: Hate Speech, Slurs in den verlinkten Logs, Thematisierung von Harassment und Bedrohung in den verlinkten Artikeln]

Edits: 07/09/14: im achten Absatz „hauptsächlich“ durch „auch“ ersetzt, Klammer mit Links ergänzt, im 11. Absatz Klammer ergänzt.

In den letzten Tagen und Wochen ging das Hashtag #GamerGate über die sozialen Medien, primär Twitter. Unter dem Hashtag, das sich offiziell gegen „Korruption“ in der Videospielindustrie bzw. im Videospieljournalismus richtete, sammelten sich außerdem Hasstiraden gegen Spieleentwicklerin Zoe Quinn und -kritikerin Anita Sarkeesian.
Beiden wurde vorgeworfen, Videospiele oder die „Gamerbewegung“ zu zerstören. Sarkeesian wegen ihrer pointierten feministischen Kritik an Spielen, Quinn, weil sie angeblich korrupt sei. „Beweis“ für letzteres sind lediglich Blogeinträge ihres Exfreundes, der ihr Privatleben in die Öffentlichkeit zieht und dessen Behauptungen hier weder wiedergegeben noch verlinkt werden.

Nun hat Zoe Quinn jedoch unter dem Hashtag #GameOverGate Chatlogs aus IRC-Channels von 4Chan-Usern veröffentlicht, die belegen, dass #GamerGate, sowie das folgende Hashtag #NotYourShield, fingiert waren: es wird diskutiert, wie am besten Fakeaccounts zu generieren sind, wie die sogenannten „Social Justice Warriors“ (das englische Pendant zu „Gutmensch„) geschwächt werden können,dass Quinns E-Mail-Account gehackt werden soll, wie dafür gesorgt werden kann, dass sie ihren Job verliert (dieses Vorgehen ist nicht neu für 4Chan). Auf die Frage „Warum?“ antwortet einer: „For being a woman“ (dt.: „weil sie eine Frau ist“).

Vorherige Behauptungen, wie z.B. die, Quinn habe nur behauptet, dass ihr Mail-Account gehackt worden sei, werden klar widerlegt. Natürlich haben unter #GamerGate nicht nur die „Eingeweihten“ geschrieben, aber alle haben sich von diesen manipulieren lassen und sich auf ihre fingierten Informationen gestützt.

Jetzt beginnt die Schadensbegrenzung, oder, um im 4Chan-Sprech zu bleiben, „Operation Schadensbegrenzung“. Ein Punkt auf der Agenda: #GamerGate „echt“ erscheinen lassen. Und wie? So wie vorher auch: mit Sockenpuppenaccounts und Silencing, behaupten, die Logs seien Fälschungen, und, ganz transparent, die „kompletten Logs“ veröffentlichen.

Beim Öffnen dieses Links springen einer_m zunächst einmal ein Haufen rassistischer, sexistischer, homophober und ableistischer Schmähworte ins Gesicht. Und auch sonst werfen sie in keinster Weise ein gutes Licht auf die „Bewegung“: so beweisen die Screenshots in keinster Weise, dass #GamerGate nicht fingiert oder gar Anti-Harassment war: es wird dazu aufgerufen, Quinn nicht zu belästigen, da sie das als „professionelles Opfer“ für sich nutzen könne. Harassment wird abgelehnt, denn „so wirkt es nicht, als wären wir im Recht“. Zoe Quinn sei zwar „nicht das Problem, das heißt Korruption!“ — aber immerhin „der Beweis“. Der Anspruch, möglichst taktisch zu handeln, um die eigene Agenda durchzudrücken, ist hier genauso deutlich, wie in den von Quinn geposteten Screenshots. Harassment wird dabei vielleicht als falsche Strategie abgelehnt, ansonsten wird aber keinerlei Position dagegen bezogen. Die favorisierten Strategien der GamerGater mögen sich unterschieden haben, ihr Hang zu Hate Speech, die Selbstgerechtigkeit und die Bereitschaft, zu manipulieren und lügen, zeigen sich auch in den „full logs“.

Es wird außerdem deutlich, dass die „Gamerbewegung“, wie sie sich selbst betitelt, auch ihr reales Umfeld als Game Schauplatz sieht: da ist von „Operationen“ die Rede, von „falscher Flagge“, es wird beraten, wie und welche Falschinformationen sich am besten verbreiten lassen, die „Social Justice Warriors“ werden zur gegnerischen Front. Die Rhetorik klingt nach Krieg spielenden Kindern.
Und handelte es sich hier um ein Game, hieße es an dieser Stelle auch: Game Over. You’re Dead. Die Strategie ist aufgeflogen, und jeder Versuch, eine neue Taktik zu entwickeln und „in der Öffentlichkeit“ wieder besser dazustehen, landet sofort als Screenshot auf Twitter.

Aber es handelt sich hierbei nun mal nicht um ein Spiel — und das zeigt sich nicht nur an den sehr realen, furchtbaren Konsequenzen. Hier leuchtet kein „Game Over“ auf und erklärt den Kampf für beendet.

Die „Gamer*“ wollen „die Öffenlichkeit“ auf ihre Seite bringen — aber müssen sie das überhaupt? Größere Publikationen haben kein gesteigertes Interesse an der Thematik — ein Fakt, der den „Gamern“ jetzt zu Gute kommt, obwohl sie den Mangel an „investigativem Journalismus“ für ihr Medium oft lautstark beklagt haben. Berichtet wurde teilweise über die Konsequenzen, die bspw. Sarkeesian für ihre Kritik erleben musste, eine tiefere Beschäftigung mit der Gesamtproblematik gab es allerdings kaum. Die Berichterstattung beschränkte sich größtenteils auf feministische Seiten und Blogs und auf Gamepublikationen. Erstere berichteten auch schon vor Veröffentlichung der Chatlogs über sexistische Dynamiken bei #GamerGate, letztere verbreiteten auch die Agenda hinter #GamerGate und (h)e(r)rklärten Sexismus für unproblematisch (ja, NOT ALL ARTICLES).

Schon vor Veröffentlichung der Logs wurde von feministischen Medien die sexistische Motivation hinter #GamerGate aufgedeckt, und auch nach der Veröffentlichung wird sie von der „Bewegung“ verschleiert.

Die Versuche, glaubwürdiger zu werden, werden derzeit zwar sofort aufgedeckt und sind auch nicht wirklich überzeugend — aber brauchen die „Gamer“ überhaupt Glaubwürdigkeit? Wirklich glaubwürdig waren ihre vermeintlichen Absichten auch vorher nicht, und die wahre Motivation (Angst vor Privilegien-/Dominanzverlust, Angst, „das Spielzeug weggenommen zu bekommen“) und die Taktiken (Silencing, Harassment, Fakeaccounts, falsche „Fakten“) wurden von Anfang an offengelegt. Das hat niemenschen davon abgebracht, diese Taktiken fortzusetzen, denn offengelegt wurden sie v.a. von feministischen Medien und Marginalisierten, denen mensch einfach mit einer neuen Welle an Silencing und Harassment begegnen konnte.

Gäbe es für Videospiele den „investigativem Journalismus“, der unter #GamerGate ironischerweise gefordert wurde, hätten die „Gamer“ durch diesen Glaubwürdigkeitsverlust tatsächlich ein schlechtes Standing. Gäbe es ein breites Öffentlichkeitsinteresse, wären z.B. große Namen in der Spieleindustrie, die sich bisher sehr bedeckt gehalten haben, gezwungen Position zu beziehen (wie es bspw. Tim Schafer bereits getan hat). Bisher generiert sich die „Öffentlichkeit“ aber eben nur aus denen, die von Anfang an mit drin hingen: aus den von Hasskampagnen Betroffenen, den feministischen Medien, Marginalisierten und „Social Justice Warriors“ und den „Gamern“. Und so lange das so bleibt, haben letztere durch soziale Privilegien die besseren Karten. Ja, sie sind in höchstem Maße unglaubwürdig, das schadet ihnen aber nicht, so lange sie in einer Machtposition sind und ihren eigenen Glaubwürdigkeitsverlust nicht (an)erkennen. Solange Harassment und Diskriminierung in gesamtgesellschaftlichen Kontexten verharmlost werden,Spielehersteller das Thema ignorieren und die „Öffentlichkeit“ hauptsächlich aus „Gamern“ selbst besteht, hält nichts diese ab, weiter zu verfahren wie bisher.

Ein Beweis dafür, dass der „Gegner“ mit gezinkten Karten spielt, bringt nicht viel, wenn dieser übermächtig ist. Das soll nicht heißen, dass „GameOverGate“ nichts gebracht hätte: es bestätigt alles, was über Misogynie, Sexismus, Fälschungen usw. hinter #GamerGate gesagt wurde.  Und Zoe Quinn können sie vielleicht helfen, sich juristisch durchzusetzen — eine definitiv wichtige Errungenschaft. Aber die, die #GamerGate gestützt haben/stützen und die in der Position sind, etwas zu ändern, erkennen das nicht an. Ihre Machtposition bleibt, so lange Verläge, Publisher und Spielemedien sich nicht ebenfalls positionieren, weitestgehend unangetastet.

 

 

* ‚Gamer‘ meint hier jene, die sich mit dieser Zuschreibung (über)identifizieren und sich als Teil einer „Bewegung“ oder sozialen Gruppe wahrnehmen und nicht alle, die Spiele spielen (s. dazu hier den Absatz „Wer sind eigentlich ‚Gamer‘?“).

Vegane Tofuschnitzel

Zutaten:

200g fester Naturtofu
dunkle Sojasauce
Mehl
Pfeffer
mittelscharfer Senf
Sojamilch
Paniermehl

1.
Den Tofu in Scheiben schneiden und mit einer Gabel zerdrücken.
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2.
Die Tofubrösel in eine Schüssel geben und einen Schuss Sojasauce, 1 TL Senf, etwas Mehl und Pfeffer dazugeben. Weil die Sojasauce sehr salzig ist, ist kein Salz mehr nötig.
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3.
Die Masse gut durchkneten und möglichst flache Schnitzel formen. Falls sie dafür zu bröselig ist, noch etwas Mehl dazu geben.
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4.
Einen tiefen Teller mit Sojamilch, einen mit Paniermehl füllen. Die Schnitzel erst in der Milch, dann im Paniermehl wenden und nochmals gut platt drücken.
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5.
Die Schnitzel von beiden Seiten gut anbraten. Fertig!
tofuschnitzel

[CN: Ableismus] Die Linke und Jogis Jungs: einfach mal ganz unverkrampft

tl;dr: Und du bist nicht alleine. Die Kneipe ist recht voll. In Massen finden Zecken kollektiv den Schweini toll. […] Denk‘ ich an die Normalität hier, könnt‘ ich kotzen.

 

Seit die Männerfußball-WM im Gange ist, habe ich mir eigentlich vorgenommen, mich von dem ganzen Spektakel möglichst fernzuhalten so weit das bei Flaggengeschwenke, Vuvuzela-Getröte und Volksparty eben geht.

Nachdem ich aber neulich auf Twitter folgendes schrieb

Wer Typenfußball guckt, supportet halt auch die ganze nationalistische, sexistische Kultur drumherum. “Nur Fußball gucken“ geht nicht.

zeigte sich in den Antworten darauf, dass auch in linken Kreisen deutschnationales Fußballfieber verteidigt wird.

Nachdem ich dann heute außerdem diesen Text bei analyse&kritik gelesen habe, möchte ich dann doch mal was zu (Typen)fußball und/in linken Zusammenhängen los werden.
Da mich an dem Text so viel stört, dass ich eigentlich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, arbeite ich mich erst mal einfach Absatz für Absatz durch.

Unter Linken ziemt es sich gemeinhin nicht, dem deutschen Team bei Länderspielen die Daumen zu drücken. Wer die Begegnungen der DFB-Elf bei Welt- oder Europameisterschaften in Kneipen oder beim Public Viewing schaut, bekommt vor allem bei Niederlagen »unserer Jungs« einen manifesten Eindruck von der Kehrseite des abgefeierten deutschen Fußballparty-Nationalismus. In den vielerorts beobachteten »Nie wieder Pizza«-Rufen und den teilweise in die Tat umgesetzten Prügelandrohungen gegen fröhliche Italien-Fans nach der 1:2-Pleite im Halbfinale der EM 2012 zeigte sich der mit einem beängstigenden Überlegenheitsgefühl sich paarende debil-deutsche Chauvinismus von seiner widerlichsten Seite.

Klingt erst einmal nach etwas, dem wohl die meisten (jedenfalls aus antinationalen_nationalistischen Kontexten) zustimmen würden.
Bemerkenswert finde ich aber, dass von der „Kehrseite“ des „deutschen Fußballparty-Nationalismus“ die Rede ist. Pöbeleien, Ressentiments und auch körperliche Gewalt scheinen mir eher essentiell an selbigem zu sein, als unangenehme Nebenwirkung.
Bezeichnend auch der „debil-deutsche Chauvinismus“. „Debil“, das definiert der Duden als „(leicht) geistig behindert“. Den deutschen Party-Nationalismus als „debil“ einzuordnen ist nicht nur ableistisch, sondern auch verharmlosend. Der „neue“ Nationalismus, das nationale „Wir“-Gefühl, dass sich in der Konsequenz auch gegen „die anderen“ richtet, werden als bloße „Dummheit“ abgetan, sind damit also nicht ernstzunehmen. „Die Schlauen“ wissen doch, wie’s läuft, und „die Dummen“ haben eh nix zu melden. Die politische und gesellschaftliche Wirkmacht der Fanmeilen-Volksparty wird negiert.

Aber rechtfertigen es diese paar IdiotInnen wirklich, dass Linke in ein von blankem Hass kaum mehr zu unterscheidendes, weil gnadenlos schadenfrohes Triumphgeheul ausbrechen, wenn sie Mario Balotellis steife Jubelpose mit vom Körper gerissenem Trikot, grimmigem Blick und stolzgeschwellter Machohaltung betrachten? Ist der italienische Nationalismus so viel besser als der deutsche? Und warum versuchen so viele Linke, all jenen ihre Freude zu nehmen, die sich am wunderbaren deutschen Spiel berauschen möchten, ohne sich irgendwelche Gedanken über Politik machen zu wollen? Die allerwenigsten von ihnen hegen den feuchten Traum, nach dem WM-Sieg erstmal auf Ketten nach Frankreich zu fahren.

Die Verharmlosung von Nationalismus als Eigenheit der „Dummen“ setzt sich hier auch gleich fort: das Problem sind eben nur ein „paar IdiotInnen“. Die, die gerne „auf Ketten nach Frankreich […] fahren“ würden. Hier wird sich völlig plump eines Strohmannes bedient: als würde linke Kritik am Party-Nationalismus darauf abzielen, dass seine Fans sich einen von Deutschland ausgehenden militärischen Schlag wünschen oder den Nationalsozialismus herbeisehnen.
Es wird eine Linie gezogen zwischen „den IdiotInnen“, die das mit dem Party-Nationalismus irgendwie zu ernst nehmen (der ist ja schließlich so wunderbar unverkrampft heutzutage!) und denen, die sich „am wunderbaren deutschen Spiel berauschen möchten“ (die Sport Bild hat angerufen, sie wollen ihren Fußball-Pathos zurück). Warum das „deutsche Spiel“ wunderbarer ist, als andere Spiele, was genau eigentlich ein „deutsches“ Spiel auszeichnet, wüsste ich gerne. Ganz schön gemein jedenfalls von diesen Linken, dass sie denen, die das verstehen, „ihre Freude nehmen wollen“, während die sich einfach mal nicht „irgendwelche Gedanken über Politik machen“ möchten.
Den WM-Wohlfühl-Patriotismus aus seinem politischen Kontext zu reißen, funktioniert aber nicht. Die WM ist politisch. Fußball ist politisch. Gerade im Hinblick auf die derzeitige Lage in Brasilien [CN: Polizeigewalt].

Vielmehr sehen die meisten Fußballbegeisterten in einer EM oder WM eine Möglichkeit, ihrem oftmals von zermürbenden Arbeits- und Lebensbedingungen gebeutelten Alltag zu entfliehen und das Leben zumindest zeitweise in eine Oase des Glücks zu überführen, in der völlig unterschiedliche Charaktere friedlich zusammenfinden und feiern. Selbstverständlich nutzen Merkel und Co. solch sportlichen Großereignisse gern, um sich im Ruhm der Athleten zu sonnen und in dem als Mittelschicht etikettierten Teil der Bevölkerung ein dumpfes »Wir Leistungsträger gegen die bösen Schmarotzer aus dem Süden«-Gefühl zu entfachen. Darauf fällt doch wohl aber wahrlich kaum jemand herein.

Den Party-Nationalismus als „Ausflucht“ und seine identitätsstiftende Wirkung anzuerkennen, ist ein wichtiges Analysekriterium, nicht jedoch eine Rechtfertigung. Von einem linken Medium, noch dazu einem, dass sich Analyse und Kritik auf die Fahnen schreibt, erwarte ich etwas mehr… tja, Analyse und Kritik.
Und in linken Zusammenhängen erwarte ich eigentlich, dass aus der Ursachenanalyse Kritik und Intervention entstehen.
Die Instrumentalisierung von Großereignissen wie der Männerfußball-WM zum Schüren rassistischer Ressentiments wird im Text zwar anerkannt, danach aber relativiert: darauf würde doch kaum jemand hereinfallen. Ernsthaft? 30% für die CDU,  7% für die AfD zur Europawahl und Studien sprechen eine ganz andere Sprache.

Was spricht dagegen, sich diesbezüglich in Gelassenheit zu üben? Menschen stecken nun mal voller Widersprüche – und das ist auch gut so. Wer deutsche Fußballfans pauschal als Nazis beschimpft, negiert dies und bewirkt bei den Menschen keine weltanschauliche Veränderung, sondern nur berechtigte Verwunderung. Zumal mittlerweile auch der allerletzte »Nie wieder Deutschland«-Propagandist begreifen könnte, wie wenig der aus dem Fußballsteinzeitalter stammende Stumpfsinn der primitiven »Wir sind hart wie Kruppstahl«-WM-Songs von Oliver Pocher bis Melanie Müller mit dem zu tun hat, was die deutsche Fußballnationalmannschaft seit fast zehn Jahren verkörpert. Mit ihrem Amtsantritt als Trainerteam haben Jürgen Klinsmann und Joachim Löw ab 2004 das etabliert, was der argentinische Trainer César Luis Menotti einst als linken Fußball theoretisiert hat.

Zum ersten Satz: wie schon gesagt, die Wahlergebnisse und erwähnten Studien sprechen da z.B. klar gegen.
Danach haben wie dann schon wieder den nächsten Strohmann: die „Nazikeule“. Linke Kritik am deutschen Fußballfieber wird auf „als Nazis beschimpfen“ reduziert. Mit den Worten „Stumpfsinn“ und „primitiv“ wird der „falsche“ Party-Nationalismus dann beiläufig wieder „den Dummen“ zugeschoben und erklärt, dass das mit der deutschen Nationalmannschaft natürlich rein gar nichts zu tun hat. Dass das der Volksparty relativ egal ist, geschenkt.

Es folgt eine Beschreibung des neuen deutschen Spielstils, dem es „nicht in erster Linie um den Sieg“, sondern um ein „ästhethisches Offensivspiel“ geht. Dieser Stil ist offenbar Grund genug, das nationalistische Drumherum als Nebensächlichkeit oder „Kehrseite“ abzutun, denn immerhin geht es ja gar nicht ums Gewinnen (natürlich nicht!) Die unverkrampften Nationalist_innen Fans sehen das anders [CN: sexistische Sprache]. Allerdings gab es  „[b]ei den aus deutscher Sicht siegreichen Weltmeisterschaften 1974 und 1990 […] auf den Straßen nicht annähernd so viele fröhlich-enthusiastische Fußballfans wie bei den letztlich knapp verlorenen Weltmeisterschaften 2006 und 2010“ und anscheinend ist das der Beweis, dass die Schland-Fans sich total unverkrampft locker-flockig einfach nur von der ästhetischen Offensive berauschen lassen wollen.

Auch bei der WM in Brasilien ist von der deutschen Mannschaft schöner Fußball, aber kein Titel zu erwarten. Und mal ehrlich: Was gibt es für Linke denn Schöneres, als das tolle deutsche Spiel zu genießen und nach einer wieder einmal spielerisch reizenden Zeit mit einem erneut verlorenen K.O.-Rundenmatch genüsslich die Bild-Zeitung aufzuschlagen, um das empörte Motzen der reaktionären Redakteure und der senilen ExpertInnen über die ach so bösen Migranten im Team zu lesen, die das Hymnensingen verweigern und die unter einem Trainer spielen, dem ein 4:4 mit unglücklicher Pleite in der Verlängerung notfalls lieber ist, als sich zu einem drögen 1:0-Sieg zu bibbern?

Dass die „senilen“ Expert_innen (das sind diese Dummen, die das alles nicht richtig verstanden haben, wisster?!) über die „ach so bösen Migranten“ hetzen, sollte Linken (in Kombination mit dem wunderbaren superschönen berauschenden orgiastischen deutschen Fußball) offenbar ein Hochgenuss sein. Dass besagte Linke womöglich selbst Migrant_innen oder Rassifizierte sind und die Hetze, die sich auf ihre Lebensrealität auswirkt, vielleicht nicht so amüsant finden könnten, ist dann auch egal. Mensch kann ja auch mal unverkrampft Spaß an rassistischer Hetze haben, auch als Linke_r, denn die kommt ja eh nur von ein paar bemitleidenswerten „IdiotInnen„.

So. Uff. Was ein Text. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann mir von einem sich links verortenden Medium das letzte Mal so viel Strohmannargumente, antiemanzipatorische Annahmen und Verdrehungen auf ein mal um die Ohren gehauen wurden.

Der Wunsch nach „unpolitischem“ Schland-Spaß ist offenbar auch innerhalb der Linken vorhanden. Ich halte es nicht nur für gefährlich, die WM-Spiele von ihrem politischen Kontext ablösen zu wollen, sondern frage mich außerdem, woher dieser Wunsch kommt. Ist das der Wunsch, sich innerhalb des Subversiven subversiv zu zeigen? Antiemanzipatorische Querfronten innerhalb emanzipatorischer Bewegungen, die ihren Backlash mit ihrer Zugehörigkeit verteidigen, sind schließlich auch nicht neu.
Oder spricht das deutsche „Wir“-Gefühl auf emotionaler Ebene doch auch die an, die sich eigentlich davon abkehren? Oder ist der privilegierte Wunsch da, der politischen Ernsthaftigkeit einfach mal den Rücken zu kehren und ganz „politisch unkorrekt“ die Sau rauslassen zu können?

Nationalismus ist nicht die „unangenehme Kehrseite“ dieser Weltmeisterschaft, sondern gehört essentiell zu ihr dazu. Allein das „gegeneinander Antreten“ verschiedener Nationen funktioniert nicht ohne nationales Zugehörigkeitsgefühl. Würden zufällig geloste Teams gegeneinander antreten, wer würde sich da noch am „ästhetischen Stil“ erfreuen? Und warum wird das Mitfiebern mit der deutschen Mannschaft verteidigt? Wer nur schöne Spiele sehen will, kann doch jedes beliebige Spiel schauen?

Sexismus, Homophobie und Männlichkeitsinszenierung im Männerfußball sowie deren politische Relevanz bleiben in der Debatte zudem weitesgehend unangetastet (z.G. lassen sich feministische Interventionen und Kritiken auch in der Linken wunderbar wegwischen!).

Die vehemente Verteidigung des „unverkrampften, unpolitischen“ Fußballguckens in der Linken zeigt jedenfalls, dass das alles offenbar doch nicht so unverkrampft und unpolitisch ist, wie manche das gerne hätten.

 

 

[TW] Verlinkt: Karl May Museum und Rassismus gegen Native Americans

Triggerwarnung: Rassismus, rassistische Sprache

Das Karl-May-Museum Radebeul weigert sich, Mitgliedern des Ojibwa-Stammes den Skalp eines Vorfahren für eine angemessene Bestattung zurückzugeben.

„Besorgte Bürger“, Mitglieder der Karl-May-Stiftung und Presse reagieren mit Rassismus und Ignoranz auf das Anliegen:

natives
(Quelle: BILD)

Links:
Ojibwe
My Culture is Not a Trend
Die Webseite des Stammes
Kontaktdaten des Museums
Native Apppropriations
Indian Country Today Media Network

(danke an Frau_L_aus_F für die letzten beiden Links!)

Twitteruser_innen, die Rassismus gegen Native Americans thematisieren:
@ImNotYourMascot
@ChiefElk

 

Wenn ihr noch weitere Links habt, würde ich mich über Kommentare freuen und die Links hier einfügen!

[TW] Rape Culture: „Wie einem Hund ein Steak vorsetzen“

In Diskussionen über Rape Culture wird gerne behauptet, knappe Kleidung oder „sexy“ Auftreten seien, als würde mensch „einem Hund ein Steak vorsetzen“. Nun, offenbar können viele Menschen von Hunden noch etwas lernen: seht, wie mein Hund reagiert, als ich ihm ein leckeres Stück Pansen vor die Nase lege.
Die Idee dazu kommt, so weit ich weiß, hier her, ich fände es aber toll, wenn viele dieses kleine Gleichnis aufzeigen!

 

[TW] Patriarchy kills: Mann mordet aus Wut über Ablehnung

Triggerwarnung (auch für alle verlinkten Inhalte): sexistisch motivierte Gewalt, Mord, Hate Speech, ableistische Sprache

Nachtrag am 25.05.2014 um 10:38 Uhr:
Es handelt sich scheinbar um 4 ermordete Männer und 2 Frauen, so wie 13 Verletzte.

Nachtrag am 25.05.2014 um 10:20 Uhr:
1. DieBerichte sind uneinig darüber, wie viele der Ermordeten männlich* und wie viele weiblich* waren.  Männer tötete Rodger aus Neid, Frauen, weil er nicht bekam, was ihm seiner Meinung nach zustand. Während selbstverständlich alle Tode gleichermaßen schrecklich sind, darf nicht vergessen werden, dass dieser Gewaltakt aus  misogynen Überzeugungen heraus entstanden ist.
2. Bei Rodger wurde offenbar das Asperger Syndrom diagnostiziert. Die vorher getroffenen Aussagen zu psychischer Krankheit bleiben bestehen.

Nice Guys“ gibt es viele. Sie sind wütend, weil sie keine (romantische/sexuelle) Beziehung haben, und projizieren diese Wut auf Frauen. Sie sprechen von „Friendzone“ und sehen es als ihr Recht, von Frauen Sex und Zuneigung zu bekommen; fürs „Nettsein“.
Elliot Rodger war auch so ein Nice Guy. „I’m the perfect guy“ [dt.: „Ich bin der perfekte Typ“], sagt er in einem Youtube-Video. Und „I don’t know why you girls aren’t attracted to me. […] It’s an injustice, a crime.“ [dt.: „Ich weiß nicht, warum ihr Mädchen mich nicht attraktiv findet. […] Es ist eine Ungerechtigkeit, ein Verbrechen“].
Elliot Rodger hat gestern sechs Frauen ermordet.

Natürlich wird medial darüber berichtet. „A ‚Mad Man’s‘ Shooting Spree“ [dt.: „Der Amoklauf eines ‚Verrückten'“], nennt es der Business Insider. TMZ zitiert den Anwalt des Vaters:

„My client’s mission in life will be to try to prevent any such tragedies from ever happening again. This country, this world, needs to address mental illness and the ramifications from not recognizing these illnesses.“

[Dt.: „Das Lebensziel meines Klienten wird sein zu verhindern, dass solche Tragödien jemals wieder passieren. Dieses Land, diese Welt, müssen über psychische Krankheiten und die Auswirkungen, wenn sie nicht erkannt werden, sprechen.“]

Auch auf Twitter und in Onlineforen tauchen diese und ähnliche Worte immer wieder auf: „Mad“ [dt.: „verrückt“]. „Maniac“ [dt.: „Wahnsinniger“]. „Mentally ill“ [dt.: „psychisch krank“]. Begriffe wie „Sexismus“, „Patriarchat“, „Misogynie“ hingegen tauchen in den Mainstream Medien gar nicht auf.

Ohne jegliches Hintergrund- und Faktenwissen wird behauptet, Rodger sei „psychisch krank“ gewesen. Eine genaue Diagnose wird nicht genannt, lediglich ungenaue, ableistische Zuschreibungen wie „verrückt“ oder „wahnsinnig“.
Sexistische Strukturen, die Männern genau das beibringen, was Rodger verinnerlicht hat, werden wegignoriert, der Fokus stattdessen auf den psychsichen Zustand des Mörders gelegt.
Nun ist es natürlich möglich, dass Rodger eine psychische Krankheit hatte (die Aussage des Anwalts über die Gefahr nicht erkannter psychischer Erkrankungen impliziert allerdings, dass Rodger nie eine solche diagnostiziert wurde). Die sofortige, unbelegte Überzeugung, er habe eine gehabt, sowie der Fokus auf eine solche Krankheit, sprechen jedoch Bände.
Fakt ist: eine psychische Erkrankung allein ist keine Erklärung für diese Tat. Es ist kein Zufall, dass die Rhetorik, die Rodger in seinem Video benutzt, von vielen, vielen anderen cisMännern, die nicht als „krank“ gelten, ebenso benutzt wird.

Statt die zugrundeliegenden Strukturen hinter diesem massiven Gewaltakt, der eine Extremform alltäglicher misogyner Gewalt darstellt, zu analysieren, wird alles auf eine psychische Krankheit abgewälzt. Aus einem sechsfachen Mord mit sexistischem Motiv wird dann eine „Tragödie“. Als würde so etwas einfach passieren, ohne Schuldige. Menschen, die eine psychische Krankheit haben, werden kriminalisiert und als „tickende Zeitbomben“ dargestellt, die Problematik aus dem eigenen Umfeld ausgeschlossen und die Gewalttat individualisiert: „das war halt ein Verrückter“. Eine Entschuldigung, die nicht allen Gewalttätern zuteil wird.
Auch eine Verbindung zu anderen Gewaltakten gegen FLT* und Male Entitlement,bleibt im Mainstream Diskurs natürlich aus.

In feministischen Kreisen jedoch findet diese Analyse statt. In diesen Kreisen äußert sich auch Wut, viel Wut, und Schmerz über Verhältnisse, die solche Gewalt hervorbringen. Unter #ElliotRodger und #YesAllWomen finden sich zahlreiche Tweets. Aber wie immer wird dieser Wut über sexistische Gewalt Hate Speech und Relativierung entgegengesetzt.

Beziehungen beenden wird auf eine Stufe mit den Morden gestellt:
male_entitlement

Wut ist nicht konstruktiv genug für WHM!
wut

Auch wenn mein Tweet nicht auf Rodger bezogen war: er hasste Feminist_innen.
masku_rodger

Von manchen kommt Sympathie für den Mörder. Schuld sind „die Frauen“.
sympathy
(Quelle)

Auf PUAHate.com* (die Seite ist aktuell „down for maintenance“), wo Rodger aktiv war, wird die Diskussion nicht nur derailt, sondern Rodger gleich als Held gefeiert.
In den nächsten Tagen und Wochen wird es noch viele Pathologisierungen und Entpolitisierungen der Morde geben. Menschen mit psychischen Krankheiten werden stigmatisiert, Sexismus und strukturelle Gewalt kleingeredet werden. Wie jeden Tag werden FLT* psychische und physische Gewalt zu spüren bekommen.
Dabei müsste die Lehre eigentlich sein: PUA tötet. Male Entitlement tötet. (Hetero_Cis)Sexismus tötet. Die patriarchale Gesellschaft tötet.

[Nachtrag am 15.05.2014 um 13:08 Uhr: Bild eingefügt]

 

* „PUA“ steht für „Pick Up Artist“. „Pick Up Artists“ machen eine Art Sport daraus, Sex_Intimität mit Frauen zu haben, und erarbeiten Strategien, um dieses Ziel zu erreichen. Bei „PUAHate“ sind diese „Pick Up Artists“ allerdings nicht wegen ihrer Sexismus verhasst, sondern weil sie Männern angeblich falsche Versprechungen machen. Das Forum ist ein einziger Sumpf aus Frauenhass und Sexismus.